Sehr geehrte Damen und Herrn,
liebe Freundinnen und Freunde der Stadtakademie!

Eine Krise, wie wir es in diesem Jahr in der Corona-Pandemie erleben, stellt den kommunikativen Ernstfall für Verständigung und für den Umgang miteinander in unserer Gesellschaft dar und wie sie sich darin bewährt. Die Diskurse der Akademiearbeit erscheinen angesichts der wogenden und bisweilen tobenden Auseinandersetzung um Leib und Leben wie Existenz und Zukunft demgegenüber wie eine geistige Trockenübung. Gerade in einer Situation mit offenem Ausgang, mit unbekannten Größen und verrutschten Maßstäben ist es aber notwendig, sich Zeit zu nehmen, den Blick auch für Chancen und Möglichkeiten offen zu halten und sich darüber zu verständigen. Wie bisher bleibt deshalb die Stadtakademie ihrem Grundton treu, mit ihren Veranstaltungen den Vorrat an Zukunftsperspektiven zu vergrößern und zugleich alle Beteiligten mit der Frage zu konfrontieren, was die aufgeworfenen Fragen mit der eigenen Person zu tun haben könnten.

Das Frank-Schirrmacher-Forum zur Digitalisierung thematisiert unter dem Titel: Körper, Gesundheit und künstliche Intelligenz – Perspektiven digitaler Medizin zentrale Aspekte des Megathemas Gesundheit. Als das zentrale Zukunftsthema, wie es Studien belegen, ist es eng verknüpft mit den Umweltproblemen und den globalen Entwicklungen. Die zukünftigen Herausforderungen für die Gesundheit benötigen die Digitalisierung in der Medizin. Ohne die bereits vorhandenen digitalen Anwendungen in der medizinischen Forschung wäre vieles in diesem Jahr viel schlimmer verlaufen. Zu dem digitalen Plus zählen z. B. die weltweite digitale Kooperation zwischen Forscher*innen, Labortechnologien oder Einsatz von KI bei der Suche nach Mustern des Virus. Die Veranstaltungsreihe will zuerst einen Einblick geben, was in der digitalen Medizin bereits möglich ist, aber auch fragen nach den sozialen und kulturellen Folgen, wenn der eigene Körper als Datenkörper durchsichtig wird. Wer verfügt dann darüber, was gesund und was krank ist und welche Menschenbilder sind ethisch angemessen? Vor diesem Hintergrund wird dann zu überlegen sein, wie eine human ausgerichtete digitale Medizin forciert werden kann und was sie bremst. Darmstadt ist für die Fragestellungen genau der passende Ort, weil zum Thema digitale Medizin eine innovative und angewandte Forschungslandschaft an der TU und diversen hochrangigen Instituten, sowie fachlich versierten Kliniken und digitale und medizinische Unternehmen aufeinander treffen.

Die Darmstädter Werkstatt: Identität und kulturelle Transformation greift eine aktuelle Stimmungslage in Teilen der Öffentlichkeit auf mit dem Thema: Weltuntergang, Apokalypse und Verschwörung – warum Aberglauben und Mythen immer wieder Kraft gewinnen.

Die Veranstaltungsreihe will damit den Gegenpol von Aufklärung und Vernunft genauer in Augenschein nehmen. Während der aktuellen Corona-Situation haben sehr schnell Weltuntergangsmythen und Verschwörungsgeschichten Raum eingenommen. Alles das ist längst in unserer kulturgeschichtlichen Erfahrung vorhanden, manchmal mit verheerenden Folgen. Warum aber bekommen solche Bilder und Geschichten gewissermaßen als negative Utopie immer wieder Macht in der Entwicklung von Identität? Und nicht nur bei den anderen, sondern, wenn vielleicht nur in homöopathischen Dosen, auch bei einem selbst? Die Veranstaltungsreihe bewegt sich damit mitten im Feld von psychologischen und soziologischen Erklärungen. Dabei geht es unter anderem um Kontrollverlust, Misstrauen gegenüber Staat und Machteliten, um zu eindeutige Erklärungen von unerwarteten Ereignissen, um Zuschreibung von Verantwortung. Und schließlich um die Schuld derjenigen, die unüberschaubare Situationen herbeigeführt haben sollen, in der man Opfer wird. Es liegt nahe, dass eine Religion, die sich das Thema Freiheit besonders auf die Fahnen geschrieben hat, dazu auch einiges zu sagen hat. Und damit steht schließlich die Frage an, unter welchen Voraussetzungen sich resistente und krisenfeste Identität entwickeln kann.

Der philosophisch-theologische Salon will der scheinbar unphilosophischen Frage nachgehen: Ist der Kapitalismus noch zu retten? Bei genauerem Hinsehen gibt es aber eine Menge philosophischer, wie auch theologischer Anlegestellen zu entdecken, die sich um das Geld, um Werte und um Geist drehen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass Geld nicht ohne Vertrauen funktioniert. Vertrauen, so erleben wir es aber gerade in der globalen Welt und nicht zuletzt in der Corona-Situation, ist ein knappes Gut. Die Veranstaltungsreihe wird diese Kernfragen des Kapitalismus ausleuchten und das Unbehagen aufgreifen, das der bestehenden Gestalt des globalen Kapitalismus nicht mehr die Lösungskompetenz der vor uns liegenden Probleme zutraut. Alternativen neuer Kapitalismen deuten sich an, wenn der Finanzinvestor Blackrock zum Beispiel das ihm anvertraute Kapital zur Rettung der Umwelt profitabel machen will, aber ebenso immer weiter greifende Formen der Sharing-Oeconomy, der Umsonst-Ökonomie wie auch die Gemeinwohlökonomie. Diese neuen Formen werden ebenso auf ihre Tragfähigkeit und auf die Konsequenzen für uns betrachtet.

Mit einem herzlichen Gruß, bleiben Sie zuversichtlich und behütet
Ihr

Franz Grubauer

P.s.: Die Programme des vergangenen Zyklus werden in kürze gelöscht. Das neue Programm entsteht gerade!