Die Aura einer zerrissenen Welt –Versuche, das Nahe und das Ferne neu wahrzunehmen

Korrespondierende Veranstaltungsreihe gemeinsam mit der Kunsthalle zur großen Winteraustellung
des Künstlers Thomas Sturm
zumThema “Aura”

 

26.01.2023, 19:30 Uhr Kunsthalle Darmstadt

live über den YouTube-Kanal der Kunsthalle

Auftaktgespräch

Die Aura der Kunst. Thomas Sturm und seine Serie Alter Meister.

Teilnehmer: Dr. Christoph Narholz, Philosoph und Schriftsteller, Wolfgang Ullrich, Kunstwissenschaftler
Dr. Franz Grubauer, Direktor der Ev. Stadtakademie Darmstadt, Dr. León Krempel, Direktor der Kunsthalle Darmstadt

23.02.2023

Die Aura des Krieges – Psychoanalytische Überlegungen zu Erregung, Faszination und Schrecken

Ein Jahr des barbarischen Eroberungskrieg Russlands und es sind die Schimären und Ungeheuer aller Kriege wieder auferstanden. Erschreckend nahe ist die vernichtende Gewalt, die Mordlust, aber auch der Rausch zu Siegen, das Heldenhafte, die Waffenschau. Der Krieg in der Ferne gehört auch zu uns, zu unserer Gattung und zu uns selbst. Eine unheimliche Aura, die uns zutiefst ängstigt und zugleich in ihren Bann zieht. Eine Aura aus nicht enden wollenden Traumata.

Referent: Prof. Dr. Heinz Weiß, Direktor des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt
Moderation: Dr. Franz Grubauer, Dr. León Krempel

02.03.2023
Die Aura unserer Städte, identitätsstiftende Kraft, verbaute Räume der Agonie, Verheißung einer neuen Urbanität?

Die Aura unserer Städte ist so eindrücklich wie abweisend. Sie betrifft vertraute und zugleich fremde Räume. Wir erliegen der Pracht und dem Hochmut gewaltiger Baukörper und sind zugleich diejenigen, die sich nach einer Teilhabe an einer solchen Aura sehnen. Hinter dem glänzenden Licht der Selbstbespiegelung fallen rückwärts lange Schatten auf beengte Räume großer Agonie. Wir erschaffen das Auratische des Stadtraums ständig selbst, wie es uns prägt. Die Aura einer Stadt spiegelt die Ambivalenz unserer eigenen Befindlichkeit, kulturell, sozial, politisch. Was prägte wird sich verändern. Wohin? urban, digital, gentrifiziert?

Referent: Prof. Dr. Christoph Mäckler, Architekt
Dr. León Krempel, Dr. Franz Grubauer

09.03.2023

Die Aura von Ritualen und Symbolen, die  Entzauberung durch die Aufklärung, die Sehnsucht nach Verbundenheit, und die Widerkehr des Mystischen und des Spirituellen

Seit jeher haben Rituale und ihre Symbole gemeinschaftliche Nähe und Verbundenheit gestiftet wie den weiten Raum des Sakralen auratisch offengehalten. Im religiösen Kultus, aus dem sich die Vielfalt von Kultur und Kunst heraus entwickelte, liegt ihr Ursprung. Gegenüber einer aufgeklärten und ausdifferenzierten Welt in Gesellschaft und Kultur sind die überlieferten religiös geprägten Rituale und Symbole verblasst. Zu beobachten ist jedoch, wie erneut Rituale und Symbole in der Kunst, in der Politik, in den Medien Bedeutung bekommen. In einer Welt der Singularitäten und der Sinnsuche scheinen sie ein Bedürfnis nach Auratischem zu erfüllen, das offensichtlich brüchige Identität stabilisiert. Das ist bemerkenswert wie ambivalent.

Referent: Dr. Hannes Langbein, Direktor der Kulturstiftung Kunst und Kirche  St. Matthäus, Berlin
Moderation: Dr. Franz Grubauer, Dr. León Krempel

16.03.2023

Aura der Persönlichkeit, die Macht charismatischer Gestalten, die Kultur der Selbstinszenierung und das Erschrecken über die Täuschung

Weltweit ist die Anziehungskraft charismatischer Führergestalten ungebrochen. Sie ziehen Massen mit machtbesessenen Versprechen in ihren Bann. In Managerkursen wird die psychologische Wirksamkeit der eigenen Aura garantiert. Die geliehene Aura des Superstars wird seit einiger Zeit in Deutschland glamourös inszeniert. Und TikTok steigert das Charisma der Influenzer bis zur Überforderung der sich Überbietenden. Alles nur schöner Schein, Selbsttäuschung oder verändern sich die kulturellen Bedingungen von Persönlichkeitsentwicklung

Referentin: Dr. Marie-Luise Wolff, Vorstandsvorsitzende der Entega AG in Darmstadt
Moderation: Dr. León Krempel,Dr. Franz Grubauer

Alle Veranstaltungen finden in der Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1, 64293 Darmstadt statt.
Die Veranstaltungen werden auf YouTube aufgezeichnet

 

Wir danken für die freundliche Unterstützung der Sparkasse Darmstadt

Die großartige Werkschau von Thomas Sturm, die die Kunsthalle ermöglicht hat, steht unter dem Thema Aura. Wenn Aura, die Göttin der Morgenbrise, in der griechischen Mythologie geradezu sinnlich die Aura des frischen Aufbruchs verkörpert, so scheint das Wort der Zeitenwende eine Aura als dunkle Abendstimmung anzudeuten. Untergang und Aufbruch scheinen aktuell eng beieinander zu liegen.
Fasziniert von dem Werk des Künstlers und der Intention des Kurators, diese Ausstellung unter dem Begriff der Aura zu fassen, will die Evangelische Stadtakademie korrespondierend fragen: Was bedeutet Aura von Weltbildern, Erzählungen und Narrativen für individuelle wie kollektive Identität in der gegenwärtigen Gesellschaft? Welche Funktion hat sie für Gesellschaft und was bedeutet ihr möglicher Verfall?
In vorhandenen Weltbildern und Erzählungen sind offensichtlich Sehnsüchte auf Zukünftiges, Gefühle und Erwartungen eingewoben. Das macht ihre Aura aus, die uns berührt und zugleich Gewissheit geteilter Wahrnehmung erzeugt. Mit Walter Benjamin lässt sich Aura als eine veränderliche Nähe-Ferne-Beziehung zwischen Subjekt und Welt verstehen, die im Kunstwerk besonders zum Ausdruck kommt. Auch Émile Durkheim und Jürgen Habermas trugen Überlegungen zu dem mit Glauben und Zusammenleben eng verbundenen Phänomen bei, das immer dann besonders aktuell erscheint, wo Aufbruch und Untergang nahe beieinander liegen.

Der Verlust von Aura findet dauernd statt und ist immer wieder zu bedenken. Was wäre zu erwarten, wenn die Digitalisierung Nähe-Ferne-Beziehungen schließlich ganz auflösen würde. Was träte dann an die Leerstelle einer produktiven Aura, die Ehrfurcht vor der Natur und Respekt gegenüber dem Mitmenschen einschließt? Mehr lesen…