Wir erleben in der Corona-Situation weltweit und sehr unmittelbar in Deutschland noch eine ganz andere Welle: Die des Misstrauens, der Zweifel, der Existenzangst und der empörten Hilflosigkeit und Wut. In dieser kollektiven Gefühlslage haben für nicht wenige Bürgerinnen und Bürger sehr schnell Weltuntergangsmythen und Verschwörungsgeschichten als Erklärungsgrund Raum eingenommen. Darauf reagieren die Kritiker solcher Mythen ebenso heftig. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber ist im vollen Gange und eine weitere unversöhnliche Polarisierung in der Gesellschaft tut sich auf, die bis zur aggressiven Sprachlosigkeit führt.

Die Frage, die sich deshalb stellt: Warum gewinnen Aberglauben und Mythen immer wieder, selbst in der modernen Welt, soviel Einfluss auf das Denken von Menschen? Warum berühren diese dunklen Weltdeutungen emotional so stark und offensichtlich auch die gegensätzlich Beteiligten?

Die Veranstaltungsreihe will deshalb diesen Zusammenhang und den vermeintlichen Gegenpol von Aufklärung und Vernunft genauer in Augenschein nehmen.

Es leuchtet zunächst als Erklärung für das Anwachsen apokalyptischen Denkens und Verschwörungsszenarien unmittelbar ein, dass in Krisensituationen Gefühle des Ausgeliefertseins und der Bedrohung an Leib und Leben zunehmen. Und der aktuelle Krisenbogen von der Klimakrise bis zur Covid19 Pandemie durchdringt den Alltag der Menschen weltweit ganz persönlich. Es ist zudem zweifellos richtig, dass die Gesellschaft, worauf sozialwissenschaftliche Analysen hinweisen, anfälliger und psychisch verunsicherter wird, wenn die Gesellschaft ihren inneren Zusammenhalt und kollektive geteilte Gewissheiten verliert. Immerhin sind nach Aktenlage der Krankenkassen achtzehn Millionen Menschen hierzulande psychisch erkrankt. In einer solchen hochindividualisierten Gesellschaft leben wir. Das Internet und die digitalen Medien beschleunigen durch die individuellen Ansprachen und digitalen Angebote diese Entwicklung.

Diese sicherlich zutreffenden Erklärungen über instabile Identitätsbildung erklärt aber noch nicht, woraus Aberglauben und Endzeitstimmung ihre Nahrung erhalten, woraus die Substanz der wirkmächtigen Bilder und Symbole besteht.

Sie entspringt im Kern aus den ultimativen Fragen, die für uns offen bleiben, wenn wir nach dem Ursprung und der Endlichkeit fragen. Seit je her nötigt diese offene Situation, einen Sinn zu finden. Und indem man sich ursprünglich  gegenseitig die Mythen erzählt und rituell inszeniert, vergewissert man sich der gemeinsamen Identität, um damit Halt zu finden in der Welt, die gegenüber existentiellen Erfahrungen trostlos ist. [1]

Die gleiche Wahrnehmung übermenschlich wirkender Kräfte führt, bei aller Unterschiedlichkeit in der Botschaft, zur Religion wie letztlich auch zu Aberglauben und Verschwörung. Unser kulturgeschichtliches Erfahrungswissen enthält einen großen Fundus von mythologischen Erzählungen, ob man die Bibel nimmt oder die Hellenistischen Epen, die Legenden des Mittelalters, ja auch die Märchen. Und dabei spielen Symbole und Rituale eine zentrale Rolle für die Gemeinschaft. Daraus ist vieles Gelungene zu lernen, was zur positiven Lebensbewältigung gehört. Aber immer wieder entstanden in unerklärlichen Krisensituationen daraus apokalyptische Erzählungen, Aberglauben und feindliche Ausgrenzung. Um das Unerklärliche greifbar zu machen, geht es um die Schuld derjenigen, die unüberschaubare Situation herbeigeführt haben. Um selbst nicht Opfer zu sein, müssen andere geopfert werden.

Die Geschichte kennt viele Beispiele von Verfolgungen und Morden, die Hexenverbrennungen zeugen davon bis zum fruchtbarsten Menschheitsverbreichen der Shoah, sobald diese Seite menschlicher Existenz die Überhand gewinnt.

Die Europäische Aufklärung glaubte, diese dunklen Seiten der Menschheitsgeschichte zu überwinden, vergaß aber über die rationalen und wissenschaftlichen Welterklärungen, wie tief diese andere Seite durch die Kontingenz des Lebens in den Menschen verwurzelt ist.

Diese Dualität ist jedoch letztlich konstitutiv für menschliches Leben. Glauben und Vernunft gehören zusammen. Ja, beide stehen in Spannung zueinander: Die Vernunft und die rationale Erkenntnis der Wissenschaft hält dem Glauben vor, dass er den Wahrheitsanspruch des Welt erklärenden Mythos zu begrenzen hat. Der Glaube weist mit seinen Überlieferungen und Sinnangeboten die Vernunft auf die ultimativ offenen Fragen hin, die einer ebenso ins Absolute ausufernden Rationalität eine Grenze aufzeigen. Beide Bewegungen in Balance mahnen zur Demut und Bescheidenheit. Kompetenzen, die für ein friedliches und gedeihliches Miteinander notwendig sind, um die aktuellen und vor uns liegende Herausforderungen zu bewältigen.

Wie tragisch die beiden Pole immer wieder historisch auch in der modernen Gesellschaft verwoben sind und wie sehr man sorgfältig das beobachten sollte, das war übrigens die Botschaft der berühmten Dialektik der Aufklärung, die Horkheimer und Adorno noch im Exil auf der Flucht vor der Nazi-Barbarei 1944 geschrieben haben.

Im Sinne der Veranstaltungsreihe geht es um die selbstkritische Wahrnehmung, dass, in welcher Gestalt auch immer, ob als gläubiger Christ oder Agnostiker, beide Seiten in einem selbst vorhanden sind. Gleichzeitig Tarot-Karten zu legen und hoch rationale berufliche Tätigkeit auszuüben, ist kein Ausnahmefall.

Die Idee für diese Veranstaltungsreihe ist aus der aktuellen Situation der Covid19-Pandemie entstanden. Wir erleben zunehmend genau jedoch jene Polarisierung, dass Bürger auf jeweils mit einem der Pole identifizieren und damit den anderen verachten. Sicherlich gibt es an den Rändern eine Reihe von Grenzfällen, die nicht mehr sprachfähig sind. Aber wer glaubt, von „Covidioten“ sprechen zu können, verkennt, dass auch bei einem selbst solche nicht rationalen Seiten vorhanden sind. Sich das einzugestehen, schafft in kleiner Münze die angesprochene Haltung, die die Augenhöhe mit denen ermöglicht, die  sich auch noch auseinandersetzen wollen.

Die Auswahl der Referentinnen und Referenten ist ein Versuch, unterschiedliche Blickperspektiven auf das aktuelle und herausfordernde Thema für den Diskurs zu ermöglichen.

Leider ist es nicht geglückt, die wichtige geschlechtsspezifische Perspektive zur Aktualität von Aberglauben und Mythen noch zeitlich zu besetzen. Eine historische Perspektive wird sich dem Thema Apokalypse als Krisenerfahrung und Krisenbewältigung in der Antike noch im Dezember  widmen. Zurück zu ganz aktuellen Entwicklungen fragt der dritte Beitrag, aus welchen Quellen sich die Zerstörungslust als Bindekraft rechter Weltauffassungen speist. Ob eine Theologie als Teil der Kultur helfen kann, den verlorenen oder zumindest gebrochenen Sinn in krisenhaften kulturellen Umbrüchen zu finden und lebensdienliche Deutungen mit den Menschen herauszufinden, darum geht es im vierten Beitrag. Schließlich wird ein ganz anderer Blick jenseits unserer westlich geprägten Kultur aufgetan, der uns konfrontiert mit den hochgehaltenen Werten und ihren Widersprüchen. Auf seine Weise wirbt dieser letzte Beitrag gerade aus einer Position der zu Ende gedachten Aufklärung um die Wahrnehmung des Humanen in anderen Kulturen auf diesem nur gemeinsam zu bewahrenden Planeten Erde.

Alle Veranstaltungen sollten Corona bedingt in Kirchenräumen stattfinden, weil im Herbst mit den damals gültigen Regeln Veranstaltungen mit Publikum noch möglich waren. Obwohl das jetzt im Dezember 2020 und vermutlich auch im Januar 2021 nicht mehr möglich ist, halten wir an den Kirchenräumen fest und senden live mit Zuschaltung der Referentinnen und Referenten und dem Publikum aus den Kirchenräumen.

Wir möchten gerne für Sie und für uns damit ein Stück Normalität und die Selbstverständlichkeit ausstrahlen, dass es mit guter Hoffnung weitergeht.

[1] Vgl. Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie , Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen, 2019,201

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