Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper: Generationen haben das als Ideal gesundheitlicher Lebensführung betrachtet, wenn auch meist nur unvollkommen erreicht. Und jetzt tritt die künstliche Intelligenz dazu, die bei der Gesundheit der Körper, also des Lebens in vielen Bereichen intelligent mitmischen will und für den Körper ein Mehr an Gesundheit verspricht!

Und in der Tat: Ohne die bereits vorhandenen digitalen Anwendungen in der medizinischen Forschung wäre vieles in diesem Corona-Jahr viel schlimmer verlaufen. Zu dem digitalen Plus zählen z. B. die weltweite digitale Kooperation zwischen Forscher*innen, digitale Labortechnologien oder der Einsatz von KI bei der Suche nach genetischen Mustern des Virus.

Vielen wird es aber unheimlich, wenn sie bei KI an einen Körper denken vollgespickt mit elektronischen Chips und Implantaten oder an die Vision von Cyborgs, also Wesen, bei denen nicht mehr auszumachen ist, was Maschine und was Mensch ist. Faktisch ist das Thema Gesundheit jedoch in der Wertvorstellung der Bürger zu einem gesellschaftlichen Megathema avanciert, und das nicht erst seit Corona Zeiten. Lifestyle, Fitness, körperliches und mentales Wohlgefühl sind die Werte, die den Individualismus einer multioptionalen Netzgesellschaft prägen. Und mit Fitnessarmbändern, sogenannten Wearables, Gesundheits-Apps und anderen digitalen Hilfen zur Lebensführung, ob Ernährung oder Umgang mit dem körperlichen Vermögen werden längst erhebliche Mengen privater Körperdaten preisgegeben.

Aktuell wird dieses neue Gesundheitsbewusstsein entschieden existentiell daran erinnert, dass Gesundheit zuallererst die Abwesenheit von Krankheit bedeutet. Mehr denn je wird deutlich, dass das Gesundheitsthema umfänglich vom eigenen Körper und seinen Grenzen bis zur globalen Situation reicht. Denn die dramatischen Umweltprobleme wie Klimawandel und Umweltverschmutzung beeinträchtigen wiederum die Gesundheit zunehmend.

In der Corona-Situation kommen diese, auch widersprüchlichen Informationen wie in einem Brennglas zusammen. Die Entwicklungen der Digitalisierung in der Medizin wie auch die Anwendung künstlicher Intelligenz bieten inzwischen eine Fülle von Chancen, aber auch Risiken, um in den aktuellen und künftigen Problemlagen Gesundheit zu erhalten und zu verbessern.

Die Frage der Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit und aktuell von Covid 19 hat der digitalen Medizin einen enormen Schub in Forschung, Entwicklung, klinischer Anwendung wie auch im Gesundheitsbewusstsein der Bürger verliehen. Forschung und Politik ist aber ebenso bewusst, dass es nicht nur um angewandte digitale Medizintechnik geht, sondern eben um medizinische Daten aus den individuellen Körpern der Bürger, die den Algorithmen der KI anvertraut werden. Unversehens ist damit die Grundlage der Persönlichkeitsrechte, der Selbstbestimmung über die eigenen Daten und damit auch das Vertrauen und die Akzeptanz der Bürger gegenüber dem Gesundheitssystem, schließlich dem Staat angesprochen. In dieser Situation ist es eine besondere Herausforderung, die Bürger mitzunehmen und zu beteiligen an der Entwicklung und Ausrichtung digitaler Medizin und damit der Verarbeitung individueller gesundheitlicher Daten. Diese Fragen werden zum kommunikativen Nadelöhr, weil das weitvorausgeeilte Anwendungsspektrum der digitalen Medizin die Gesundheitsdaten benötigt, deren Freigabe aber an der kompetenten Einwilligung der Bürger gebunden ist. Wenn die Grundrechte im Sinne der Gestaltung der digitalen Zukunft Europas[1] gewahrt werden sollen, ist ein breit angelegter Lern- und Aufklärungsprozess ebenso relevant wie die Fragen nach der Datensicherheit[2].

Aktuell stellt sich so umso mehr die Frage, was sinnvolle Pfade der Zukunftsgestaltung der digitalen Gesundheit sein können. Dazu wird sicherlich eine Menge gesunden Geistes im Sinne der Vernunft benötigt werden.

Das VI. Frank-Schirrmacher-Forum zur Digitalisierung will mit den Themen der Veranstaltungsreihe den notwendigen Zukunftsdiskurs über menschengemäße und sichere Pfade unterstützen. In der Vorbereitung hilfreich, und vielleicht für viele Darmstädter wenig bekannt, ist die Tatsache, dass Darmstadt für diesen Diskurs enorm viel zu bieten hat: Dafür stehen viele Forschungsprojekte im digital-medizinischen Bereich, in der Medizintechnik, in Diagnostik und Therapie und Prävention, die vielfach bereits Anwendungsreife im Gesundheitswesen erlangt haben. Das geschieht in den Fraunhofer-Instituten, in der TU-Darmstadt mit dem Fachbereichen Informatik und Medizintechnik, dem neu geschaffenen Zentrum für verantwortungsvolle Digitalisierung, dem Klinikum im Verein mit den Stadtkrankenhäusern, in Projekten der Digitalstadt, diversen Start-ups und nicht zuletzt bei den Global Player der Industrie. Und damit ist noch nicht das ganze Potential benannt, das sich in Darmstadt mit vielen hochqualifizierten Männern und Frauen versammelt hat.

Was liegt also näher, diese Kompetenz für den Diskurs zur digitalen Gesundheit zu nutzen? In vielen vorbereitenden Gesprächen in und außerhalb Darmstadts wurde aber darüber hinaus deutlich, dass in einem kooperativen Zusammenspiel der genannten Akteure die potentiellen Energien und die Kreativität Darmstadt zu einem spannenden und zukunftsorientierten Zentrum im digitalen Gesundheitswesen mit Ausstrahlungskraft werden könnten. Das wäre ein großer Plan, der weit über den geplanten Akademiediskurs hinausweist. Zumal es sich um unterschiedliche Interessen, Grenzen des reformbedürftigen Gesundheitssystems, Konkurrenzen und nicht zuletzt um einen lukrativen Wirtschaftszweig handelt. Gerne will die Ev. Stadtakademie aber eine öffentliche Diskussion darüber unterstützen.

Wenn es in sechsjähriger Tradition des Darmstädter Frank-Schirrmacher-Forum immer um Kritik und Gestaltung ging, also Perspektiven offenzuhalten, aber auch die Fakten kritisch zu prüfen, dann wird mit dieser Veranstaltungsreihe dieser Duktus fortgesetzt. Die Veranstaltungsthemen folgen dem strukturierenden Prinzip nach Stärken, Schwächen und Chancen, Risiken zu fragen (das sind die Analysebegriffe der bekannten SWOT-Analyse). Zur ethischen Einordnung werden u.a. Mitglieder des Rates für Digitalethik der Hessischen Landesregierung und des Zentrums für verantwortungsvolle Digitalisierung befragt. Das Frank-Schirrmacher-Forum kreiert in diesem Jahr damit ein kommunikatives Reallabor in der Hoffnung, dass alle beteiligten Stakeholder hilfreiche Anstöße aus den Diskursen mitnehmen können.

[1]  WEISSBUCH Zur Künstlichen Intelligenz – ein europäisches Konzept für Exzellenz und Vertrauen,  Brüssel, den 19.2.2020 COM(2020) 65 final

[2] Algorithmen in der digitalen Gesundheitsversorgung, eine interdisziplinäre Studie des CERES-Instituts im Auftrag der Bertelsmannstiftung, 2018