Jüngst hat die Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch eine Gesellschaftsanalyse vorgelegt, die von einem epochalen Umbruch spricht. Als „Konterrevolution gegen Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozesse“ zeige sich das in einer gespaltenen Gesellschaft, die durch materielle und immaterielle Statusverluste gekennzeichnet sei. Der weltweit entstandene Populismus sei Ausdruck einer „Gesellschaft des Zorns“, so auch der Titel der Analyse. Diese scheint einen emotionalen Grundton in unserer Zeit zu treffen, der noch für viele verstärkt wird durch die befürchteten Folgen der digitalen Revolution und dem unabweisbaren Klimawandel. Und die Soziologin ist nicht die einzige, die Gesellschaft so beschreibt. Wo entsteht da Hoffnung, Lust auf Neues, wenn Ängste um Arbeitsplatz und Lebensentwurf ebenso wie Bedeutungs-und Geltungsverlust – also immaterielle Verluste – die bisherigen sozialen Schichten durcheinanderwirbeln? Nach einer Quelle von Mut und Zuversicht sieht es jedenfalls nicht aus!

Ganz anders zukunftsoptimistisch klingt es, wenn man den Aufruf zum Thema des Wissenschaftsjahres 2019 „Künstliche Intelligenz“ wahrnimmt, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgerufen hat.
Künstliche Intelligenz habe Systeme und Anwendungen hervorgebracht, die schon heute vielfach Bestandteil unseres Lebens seien: Industrieroboter, die schwere oder eintönige Arbeiten übernehme oder smarte Computer, die in kurzer Zeit riesige Datenmengen verarbeiten und damit für Wissenschaft und Forschung unverzichtbar seien. Ganz abgesehen von virtuellen Assistenzsystemen, die zu unseren alltäglichen Begleitern geworden seien. Digitalisierung und Automatisierung würden in Zukunft weiter fortschreiten.
Und am Ende steht der Aufruf, auf die Herausforderungen und Chancen im Dialog zwischen Bürgerinnen und Bürger mit Wissenschaften und Forschung Antworten zu finden.
Woher nehmen aber die Bürgerinnen und Bürgern, die im Grundton verunsichert sind, den Mut, das mitzugestalten, was sie fürchten?
Was hier sichtbar wird, ist ein Spannungsverhältnis zwischen dem weit vorausgeeilten technischen Möglichkeiten einer digitalen Gestaltungsmacht und der in anderer Geschwindigkeit verlaufenden Aneignung und Realisierung in der Persönlichkeit der Bürgerinnen und Bürger.
Der Einwand, dass bei allen technischen Revolutionen in der industriellen Neuzeit das so war, sollte allerdings auch daran erinnern, welche Preise an gesellschaftlichen Verwerfungen zu bezahlen waren, die bis zur physischen Vernichtung reichten. Daran sollte man sich zumindest erinnern, besonders auch deswegen, weil die digitale Revolution nach aller Expertenmeinung noch viel weiter eingreifen wird in das, was wir bisher als Gesellschaft und individuelle Persönlichkeit von Menschen kennen.
Wie lässt sich aber diese Kluft verkleinern? Wie Voraussetzung schaffen für mutige Mitgestaltung an einer Weltentwicklung statt sich von dem Überschuss an negativen Emotionen beherrschen zu lassen?
Auf der öffentlichen Bühne der Gesellschaft wird es um Visionen gehen, die für das Menschsein auch in der digitalen Welt für die unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft Anerkennung und Zutrauen vermitteln. Das sind die immateriellen Faktoren, die in ihren kulturellen Ausdrucksweisen Emotionen beinhalten – und eben Verletzungs- und Kränkungserfahrungen! Politik, Kirchen, Verbände, Unternehmen werden da präziser und sensibler, aber zugleich offensiver Botschaften formulieren müssen. Denn darin sind eben auch der Zorn und die Enttäuschung enthalten. Ebenso gleichrangig werden die materiellen Faktoren der Aus-und Weiterbildung, der Sicherung eines würdigen Lebens u.a. zwischen den Verantwortlichen ausgehandelt werden müssen. Das könnte zu einer neuen Werteorientierung führen, die die kollektive Botschaft vermittelt, einmal etwas Mut und Zuversicht zu wagen. Beide sind Haltungen, die man nicht beliebig lernen und sich anlesen kann. Sie können aber wachsen. Dazu kann Bildung in allen Formen durch ein Zulassen und Öffnen im Denken und in der Bereitschaft zur Auseinandersetzung beitragen. Was aber genauso notwendig ist für die Entwicklung von Mut und Zuversicht, sind Räume des Experimentierens und der neuen, auch sinnlichen Erfahrungen. Das Bauhaus war so ein übergreifendes Arbeits- und Lebensexperiment. Die Künstlerkolonie und die Darmstädter Sezession in neuerer Zeit waren und sind Versuche, Grenzen im Denken und Handeln zu überschreiten. Die Commons-Bewegung, in Verbindung mit der Gemeinwohl- und Sharing-Ökonomie bietet für viele inzwischen weltweit ein solches historisch offenes Experimentierfeld.
Und schließlich, wenn es zutrifft, das in der Regel „zwei Herzen in einer Brust“ wohnen, dann ist eine Aufforderung: „Wir sind dran“ auch ein notwendiger Anstoß zur Selbständigkeit wie es der Philosoph Johann Gottlieb Fichte in seiner Pädagogik formuliert hatte. Das hatte sicherlich Ernst Ulrich von Weizsäcker im Sinn, wenn er zu dieser Aufforderung seines aktuellen Buches den Untertitel hinzufügte: „Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen – eine neue Aufklärung für eine volle Welt“.
Die entstandene Lücke zwischen den jeweiligen Bürgerinnen und Bürgern und der globalen digitalen Revolution zu schließen, bedarf des Mutes und der Zuversicht. Ob das gelingen wird, hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt aber auch an Orientierung stiftenden Visionen. Diese haben zudem einen emotionalen Überschuss: Er ist verliebt in das Gelingen, das man mit anderen teilt.
Sagen wir einmal für das aktuelle Akademieprogramm uns allen: wir arbeiten zuversichtlich daran! In diesem Sinne hoffe ich auf spannende Diskurse.